Sechs Fragen an die nationalen Standardisierungsgremien

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Die folgenden Fragen befassen sich mit der Anerkennung des ECMA/MS-OOXML-Formats als IEC/ISO-Standard. Solange die nationalen Standardgremien keine schlüssigen Antworten auf diese Fragen haben, sollten sie in der IEC/ISO-Abstimmung mit "Nein" stimmen und beantragen, dass Microsoft seine Arbeit an MS-OOXML in ISO/IEC 26300:2006 (Open Document Format) einbringt.

Dies ist eine Zusammenfassung. Ausführlichere Informationen finden Sie online.

  1. Unabhängigkeit?

    Ein Standard sollte niemals von einem bestimmten Betriebssystem, einer speziellen Umgebung oder Software abhängig sein. Anwendungs- und Implementierungs-Unabhängigkeit gehören zu den wichtigsten Eigenschaften eines Standards.

    Ist die MS-OOXML-Spezifikation frei von jeglichen Verweisen auf einzelne Produkte eines Herstellers und deren spezifisches Verhalten?
  2. Unterstützung bereits existierender Offener Standards?

    Wann immer anwendbar und möglich, sollten Standards auf bereits erzielten Erfolgen der Standardisierung aufbauen und die Abhängigkeit von proprietären, herstellergebundenen Technologien vermeiden.

    MS-OOXML vernachlässigt verschiedene, vom W3C empfohlene Standards wie MathML und SVG, und benutzt stattdessen eigene, herstellerspezifische Formate. Dadurch werden alle anderen Hersteller, wenn sie MS-OOXML vollständig implementieren wollen, gezwungen, sich in die proprietäre Infrastruktur einzuordnen, die durch Microsoft in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut wurde. Es erscheint fraglich, ob ein Dritter diese Spezifikation jemals in derselben Qualität wie Microsoft implementieren können wird.

    Was nützt es, wenn auf diesem Gebiet ein herstellergebundenes Format auf Kosten der Standardisierung akzeptiert wird? Wo bekommen andere Hersteller wettbewerbsfähige, kompatible und vollständige Implementierungen dieser Formate für alle Plattformen, um untragbar hohe Kosten zu vermeiden?
  3. Abwärtskompatibilität für jeden Hersteller?

    Einer der angeblich größten Vorteile von MS-OOXML ist seine Fähigkeit, Abwärtskompatibilität erlauben zu können, wie sie auch in der Pressemitteilung der Ecma international genannt wird.

    Es ist für einen Standard unverzichtbar, dass er von jedem Hersteller umgesetzt werden kann, ohne dass dieser auf die Kooperationsbereitschaft anderer Firmen angewiesen ist, auf verborgene zusätzliche Informationen zugreifen, zusätzliche juristische Abkommen schließen, oder Zahlungen leisten muss. Ebenso muss ein Standard gewährleisten, dass alle Hersteller ihn, ohne mit Wettbewerbern kooperieren zu müssen, in der gleichen Qualität und im selben Umfang verwenden können, um die notwendige Interoperabilität zu erreichen.

    Kann ein Hersteller, unabhängig von seinem Geschäftsmodell, ohne Zugriff auf zusätzliche Informationen und ohne die Kooperationsbereitschaft Microsofts die Abwärtskompatibilität seiner Produkte und die Umwandlung der eigenen Dokumentenformate in das MS-OOXML-Format in derselben Qualität, wie sie von Microsoft erreicht wird, erreichen?
  4. Proprietäre Erweiterungen?

    Die Verwendung proprietärer, anwendungsspezifischer Erweiterungen ist eine von Microsoft angewandte Maßnahme, um ihre Vormachtstellung im Bereich der Desktopanwendungen zu missbrauchen und weiter auszubauen. Wegen dieses Verhaltens sah die Europäische Kommission sich im Jahre 2004 veranlasst, eine Entscheidung gegen Microsoft zu fällen und den Konzern aufzufordern, Informationen zu veröffentlichen, die die Interoperabilität der Software anderer Hersteller mit der Software des Konzerns ermöglicht. Microsoft weigert sich bis zum heutigen Tage, dieser Aufforderung Genüge zu tun.

    Aus diesem Grunde ist allgemein anerkannt, dass Offene Standards niemals proprietäre Erweiterungen zulassen sollten und dass wettbewerbsverzerrenden Verhaltensweisen, wie die oben genannten, durch Offene Standards nicht unterstützt werden sollten.

    Erlaubt MS-OOXML proprietäre Erweiterungen? Ist Microsofts MS-OOXML-Implementierung vertrauenswürdig, ist sie z.B. frei von undokumentierten Zusätzen? Existieren Maßnahmen, um dergestalten Missbrauch zu vermeiden?
  5. Doppelte Standards?

    Das Ziel aller Standardisierungsbemühungen ist die Einigung auf einen einzigen Standard, weil mehrere unterschiedliche Standards Wettbewerbsnachteile mit sich bringen. Die hier durch Microsoft vorangetriebene Zersplitterung des Standards ist eine strategische Maßnahme mit dem Ziel, die Kontrolle über bestimmte Bereiche des Marktes zu erlangen, wie mehrere Beispiele aus der Vergangenheit deutlich zeigen.

    Es existiert bereits ein anerkannter Offener Standard für Officedokumente, namentlich das Open Document Format (ODF) (ISO/IEC 26300:2006). Sowohl MS-OOXML als auch ODF liegt dieselbe XML-Technologie zugrunde, wodurch beide Spezifikationen über dieselben theoretischen Möglichkeiten verfügen. Microsoft ist Mitglied der OASIS-Gruppe, jener Organisation, durch die der ODF-Standard entwickelt wurde und gepflegt wird. Microsoft war über den Prozess informiert und eingeladen, daran zu partizipieren.

    Warum wies und weist Microsoft das Angebot bis heute zurück, an dem bereits existierenden Standard mitzuwirken? Warum haben sie ihre technischen Lösungen OASIS nicht zur Aufnahme in ODF vorgelegt?
  6. Juristisch sicher?

    Für einen Standard ist es wichtig, dass alle Wettbewerber die Möglichkeit haben, einen Standard ohne die Gefahr juristischer Verfolgung implementieren zu können. Diese Zusicherung muss klar, nachvollziehbar, verlässlich und weit genug gefasst sein, um alle für die Interoperabilität notwendigen Prozesse abzusichern um einen echten Wettbewerb zu ermöglichen.

    MS-OOXML kommt, statt mit den typischen Patentrechtsbestimmungen, mit einem unüblich komplexen und sehr eng gefassten "Vertrag, niemanden zu verklagen" daher. Aufgrund seiner Komplexität ist unklar, wie weit der Schutz vor Klagen tatsächlich gewährt wird.

    Eine oberflächliche Überprüfung dieser Zusicherung ergab, dass nicht alle optionalen Features und proprietären Formate, die für eine vollständige Implementierung von MS-OOXML verwendet werden müssen, durch diese Zusicherung abgedeckt werden. Dadurch ist die Rechtssicherheit der Wettbewerber bei der Implementierung des MS-OOXML-Formats gefährdet und hinsichtlich der Kernkomponenten mindestens fraglich.

    Hat Ihr nationales Standardisierungsgremium eigene, unabhängige Untersuchungen über die juristische Natur des "Vertrages, niemanden zu verklagen" vorgenommen, aus denen hervorgeht, ob tatsächlich das gesamte Spektrum der möglichen MS-OOXML-Implementierungen abgedeckt wird?

Jede dieser Fragen sollte durch die nationalen Standardisierungsgremien, auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse unabhängiger Sachverständiger, insbesondere frei von der Beeinflussung durch Microsoft oder ihre Geschäftspartner, die in diesem Fall naturgemäß einem direkten Gewissenskonflikt unterliegen, beantwortet werden.

Sollte auch nur eine der Fragen unzureichend beantwortet werden, muss das Standardisierungsgremium in der ISO/IEC-Abstimmung mit "Nein" stimmen.

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