Über "Geistiges Eigentum" und indigene Völker

-- Georg C.F. Greve -- aus dem Englischen übersetzt von Martin Gollowitzer und Heinrich Bultmann

Als Nebeneffekt meiner Arbeit für den Weltgipfel über die Informationsgesellschaft (World Summit on the Information Society, WSIS) kam ich mit Menschen in Kontakt, die ich auf anderem Wege wohl niemals getroffen hätte. Dies stellte sich später als auf eine Art und Weise anregend heraus, die ich mir niemals erträumt hätte.

Das nun Folgende ist ein direktes Ergebnis meines Versuchs, die Probleme indigener Völker und einige ihrer Grundbedürfnisse und Anliegen zu verstehen, ein Prozess, der bereits vor dem WSIS begann, als ich Menschen wie einen Anwalt aus Sri Lanka traf, der daran arbeitet, das dort vorhandene Wissen über Medizin und Botanik zu erhalten.

Obwohl ich nicht den Anspruch stelle, die lokale Situation in ihrem vollen Umfang zu verstehen, ist es offensichtlich, dass indigene Völker auf der ganzen Welt unter der übereifrigen Monopolisierung ihres selbstgezogenen Wissens leiden. Vor allem Pharma-Unternehmen erhalten beschränkte Wissensmonopole, insbesondere Patente.

Diese werden später mit Hilfe einer doppelten Strategie aus Ausnützung bestehender Machtungleichgewichte und Gerichtsverfahren gegen Menschen eingesetzt, die es sich oft nicht leisten können, selbst Anwälte anzustellen. Damit werden traditionelle und bestehende Praktiken ausgelöscht und durch die patentierten ersetzt. Dies entspricht einem effektiven Verbot der Verwendung dessen, was seit Generationen allgemein üblich und gebräuchlich war.

Da dieses Problem durch übereifrige Monopolisierung entstanden ist, überraschte es mich, dass viele indigene Völker eine noch stärkere Monopolisierung in Form "geistiger Eigentumsrechte" zu verlangen scheinen, einschließlich ihrer Kultur und ihres Erbes.

Den Diskussionen über die durch Patentierung von Genen in Europa entstandenen Probleme folgend, wo Menschen (oftmals unbewusst) durch Ärzte der Rechte an ihrem eigenen, höchst persönlichen Selbst beraubt wurden, indem die Ärzte Gene patentierten, die sie bei deren Untersuchung gefunden hatten, hat eine solche Vergrößerung der Monopolisierung niemals größere Freiheit gebracht.

Aus Solidarität mit den indigenen Völkern dieser Erde verstünde ich gerne, was sie dazu gebracht hat, eine solche Verstärkung der Monopolisierung zu fordern. Das ist der Grund, warum ich dies schreibe.

Lassen Sie mich versuchen zu erklären, was der wahrscheinlichste Ausgang einer derart ausgedehnten Monopolisierung sein dürfte. Wie würde sich die Situation für diese Völker verändern, wenn den Forderungen nach einer Erweiterung eingeschränkter Wissensmonopole nachgekommen würde?

Nehmen wir an, wir lebten in einer perfekten Welt. Die Fremdmonopolisierung würde aufhören, die indigenen Völker erhielten das vollständige "Eigentumsrecht" und volle "Kontrolle" über ihre gesamten kulturellen, geistigen und sogenannten natürlichen Ressourcen.

An der Situation im Hinblick auf grundlegende Probleme wie Nahrung, Wasser, Gesundheitswesen, Bildung, Wirtschaft, Stabilität oder politische Unabhängigkeit würde sich dadurch nichts ändern. Vor allem aber bestünde kein Zugang zu dem vom Norden akkumulierten Wissen, das in diesen Angelegenheiten helfen könnte.

Der Preis für diese Veränderung ist die Zustimmung zu der grundlegenden Ideologie, dass Wissen und Kultur Dinge sind, die Individuen "besitzen" können und dass es moralisch richtig sei, das volle "Eigentumsrecht" und die volle "Kontrolle" darüber denjenigen zu übertragen, die dieses Wissen aufgebaut haben.

Wenn dies der akzeptierte moralische Maßstab ist, haben die indigenen Völker - dem Prinzip der Gleichheit der Menschenrechte folgend - zugestimmt, dass der Norden moralisch berechtigt ist, ihnen den Zugang zu dem von ihm über die Jahrhunderte gesammelten Wissen, zu verwehren, was hauptursächlich für die digitale Kluft und globale Machtungleichheiten ist.

Außerdem sind "geistige Eigentumsrechte" reine Handelsgüter. Durch die Aufnahme von Kultur und Erbe indigener Völker in dieses System werden diese primär als Handelsgut klassifiziert. Daher können sie ge- und verkauft werden und werden in erster Linie wegen ihres wirtschaftlichen Wertes respektiert. Dies ist eine Ideologie, die die Tendenz in sich trägt, das Wissen über Kultur und Traditionen primär als etwas zu betrachten, aus dem maximaler Profit geschlagen werden soll.

Durch die Aufhebung der moralischen Verpflichtung des Nordens, Wohlstand und Wissen zu teilen, wird ihr traditionelles Wissen als Handelsgut das einzige Verhandlungsgut sein, das indigene Völker zur Sicherung der Zukunft ihrer Völker einsetzen können.

Aufgrund der derzeitigen globalen Machtungleichheiten werden Preis und Vertragsbedingungen hauptsächlich von den Medienkonzernen des Nordens bestimmt werden. Sich dem entgegenzustemmen würde bedeuten, am Ende gänzlich leer auszugehen. Diesen Deal zu machen wäre aber in den meisten Fällen der einzig mögliche Weg zu grundlegendem Zugang zu Nahrung, Wasser, Medizin, Bildung und dem öffentlichen Bereich globalen Wissens.

Daraus würde im schlimmsten Fall resultieren, dass Kultur und Erbe indigener Völker als "Eigentum" der nördlichen Medienkonzerne enden. Je nach Inhalt der Verträge kann es passieren, dass nachkommende Generationen indigener Völker nicht mehr das Recht haben, ihr eigenes kulturelles Erbe zu "verwenden".

Unabhängig davon, wer das Monopol erhält, droht eine solche Monopolisierung immer, die sozialen Bande zwischen ihnen und dem Rest der Menschheit zu zerstören. Rituale werden am Leben erhalten, indem sie praktiziert und weitergegeben werden und Sprachen bleiben lebendig, wenn möglichst viele Menschen sie sprechen.

In einem System "geistigen Eigentums" kann Teilen oder schon Kommunikation an sich gefährlich sein. Wann immer jemand, der Autor oder Künstler ist, mit jemand anderem in Kontakt tritt, muss er auf der Hut sein und möglicherweise sofort den Kontakt abbrechen und aufhören mit ihm zu sprechen; anderenfalls riskiert er eine Urheberrechtsverletzung und teure Gerichtsverfahren, falls er sich von dem Gespräch inspiriert gefühlt haben sollte.

Diese Klage könnte von den indigenen Völkern oder aber von nördlichen Medienkonzernen, die das fragliche Stück Kulturerbe "gekauft" haben und es jetzt "besitzen", vor Gericht erhoben werden.

Das System der Monopolisierung zerbricht also das Band der Solidarität, des Teilens und der Kommunikation, das die gesamte Menschheit verbindet. Für die indigenen Völker bedeutet dies, dass ihre Sprache, Rituale und ihr Erbe gemeinsam mit der letzten Generation, die damit aufgewachsen ist, aussterben.

In einem perfekt funktionierenden System und einer perfekten Welt müsste eine derartige Ausdehnung der Monopole also mit nicht mehr und nicht weniger als der kulturellen Identität der indigenen Völker bezahlt werden.

Da es uns nicht gegeben ist, in einer perfekten Welt zu leben, wird die Realität nicht ganz so säuberlich schwarz-weiß sein. — Der Preis wird aber dennoch zu zahlen sein.

Aufgrund früherer Erfahrungen kann man annehmen, dass die Konzerne des Nordens viele teure Anwälte anheuern würden um zu zeigen, dass diese spezielle Pflanze, dieses eine Ritual und dieses Musikstück nicht nur diesen indigenen Völkern allein eigen ist, dass also nicht klar war, wer das "Eigentumsrecht" daran hat.

Wenn die indigenen Völker sich mit ihren Forderungen behaupten wollen, werden sie Jahre vor Gericht verbringen müssen. Dies ist mit hohen Ausgaben verbunden, da es ein Kampf gegen gutbezahlte Top-Anwälte und gegen Firmen ist, die es sich oftmals leisten können, auf eine "biologische Lösung" ihrer Probleme zu warten — ein zynischer Euphemismus, mit dem auf das Wegsterben derer Bezug genommen wird, von denen die Konzerne vor Gericht gebracht wurden.

Mit oder ohne derartige Fälle werden sie in Verhandlungen mit allen indigenen Völkern treten, die in irgendeiner Form Ansprüche auf den entsprechenden "Besitz" anmelden könnten und ihn dann denjenigen abkaufen, die ihn am billigsten hergeben, was für die anderen bedeutet, dass ihr einziges Verhandlungsgut plötzlich wertlos geworden ist.

Wenn man weiß, dass das Verhandlungsgut, das man hat, wertlos wird, wenn man den Deal nicht selbst macht, dann steigt die Bereitschaft, zu einem Abschluss zu kommen, ganz bestimmt erheblich.

Außerdem könnten andere indigene Völker, wenn ihnen Nahrung und Bildung für ihre Kinder angeboten wird, in Versuchung geraten, vor Gericht die Position der jeweiligen Firma zu stärken. Man kann sich denken, dass dies die Solidarität unter den indigenen Völkern belasten wird. Es könnte unter Umständen sogar nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten.

Nachdem sich das, was ursprünglich eine moralische und kulturelle Streitfrage war, in ein Handelsgut und einen Fall für die Gerichte verwandelt hat, wird es alle gewöhnlichen Unzulänglichkeiten der Rechtssysteme aufzeigen -- einschließlich der Frage nach der Neutralität und der Tendenz, jene zu begünstigen, die die besseren Anwälte haben.

Manche indigenen Völker werden die "Lotterie mit geistigen Eigentumsrechten" vielleicht gewinnen, indem sie irgendeine wertvolle Pflanze finden, oder auch etwas anderes von gleichem wirtschaftlichem Wert. Nichtsdestotrotz wird diese Lotterie nur wenige Gewinner haben, aber viele Verlierer -- und Gewinnen wird in diesem Zusammenhang ein reales Aussteigen unter Null bedeuten, da der Wert, verglichen mit dem Gesamtportefeuille der Konzerne des Nordens, immer klein sein wird.

Bei dem Einsatz, der für das Mitspielen in diesem System bezahlt werden muss, ist dies eine Art russisches Roulette, bei dem alle Kammern des Revolvers bis auf eine geladen sind, sodass man auf die leere Kammer hoffen muss.

Das System und die Ideologie der "geistigen Eigentumsrechte" hat sich in seiner Entwicklung ausschließlich an den Bedürfnissen nördlicher Medienkonzerne orientiert. Die Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre, insbesondere deren Künstler und Autoren, haben selbst massive Probleme mit diesem System.

Genau dieses System ist am heutigen Ausmaß der digitalen Kluft und den derzeitigen Machtungleichheiten schuld.

Wenn man bedenkt, worauf das wahrscheinlich hinausläuft, ist die einzige Möglichkeit für langfristiges Überleben und Wohlstand indigener Völker weniger Monopolisierung und das Ende der Monopolisierung ihrer kulturellen und intellektuellen Ressourcen.

Aussichten

Das Problem sollte am besten gleichzeitig von innen und außen angegangen werden. Finden Sie Verbündete, die im Norden in diesem Bereich aktiv sind und lehren Sie ihre eigenen Leute, wie das System funktioniert, sodass sie Ihnen helfen können, es von innen heraus zu hinterfragen. Außerdem werden sie dadurch in der Lage sein, Ihnen beim Aufbau von Abwehrmechanismen gegen unmittelbare Angriffe zu helfen, solange das System noch in seiner jetzigen Form existiert.

Gleichzeitig wird es notwendig sein, dem derzeitigen System die Legitimierung zu verweigern und zu versuchen, der Indoktrinierung durch die allgegenwärtige Lehre vom "geistigen Eigentum" zu widerstehen.

Dazu wird es auch gehören, die gefährliche und ideologisch aufgeladene Terminologie "geistigen Eigentums" zu vermeiden und alternative Begriffe wie "eingeschränkte Wissensmonopole" oder — sogar noch besser, wenn man über deren Effekte spricht — sehr genau den betroffenen Bereich wie Urheberrecht und Patente herauszustreichen.

Statt des "Eigentumsrechts und der Kontrolle über" sollte besser der "volle Nutzen" Ihrer "kulturellen, intellektuellen und sogenannten natürlichen Ressourcen" gefordert werden.

Dies unterstreicht das Problem und die Notwendigkeit einer Lösung, ohne sich der Ideologie und dem Machtsystem zu fügen, das "geistiges Eigentum" darstellt.

Ich hoffe, dass sich dies als nützlicher Beitrag zu einer wesentlichen Debatte erweisen wird, die sich um den Weltgipfel entsponnen hat — und würde mich freuen, wenn wir es schaffen, konkrete Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie wir gemeinsam über diese Probleme hinwegkommen können.

$Date: 2010-12-22 14:58:53 +0100 (Wed, 22 Dec 2010) $ $Author: nicoulas $ Martin Gollowitzer und Heinrich Bultmann