Seit 2001 stärkt die FSFE die Rechte von Nutzerinnen und Nutzern, indem sie Hürden für Softwarefreiheit beseitigt. Seit 20 Jahren helfen wir Menschen und Organisationen dabei zu verstehen, wie Freie Software andere Grundrechte wie Redefreiheit, Pressefreiheit und das Recht auf Privatsphäre stützt.

Für die nächsten zwei Jahrzehnte brauchen wir Ihre Unterstützung. Wir wollen, dass alle in der Lage sind, ihre Technik selbstbestimmt nutzen zu können. Freie Software und ihre Freiheiten, sie verwenden, verstehen, verbreiten und verbessern zu können sind der Schlüssel dafür.

Das Jahr 2010 der FSFE – Ein Brief vom Präsidenten

Wir hatten ein ereignisreiches und gutes Jahr. Im folgenden Text finden Sie Hintergrundlinks zu unseren Aktivitäten. Bitte nutzen Sie diese Gelegenheit um sich ein umfassenderes Bild unserer gegenwärtigen und zukünftigen Arbeit für Freie Software zu verschaffen.

Auszeichnungen und Würdigungen der Arbeit der FSFE

Wir erhielten dieses Jahr nicht nur eine, sondern zwei Auszeichnungen. Im Mai erhielt die FSFE die Theodor-Heuss-Medaille. Während einer großen Zeremonie im Mai mit vielen deutschen politischen Koryphäen in Stuttgart lobte Ludwig Heuss, Direktor der Ludwig-Heuss-Stiftung, die Arbeit der FSFE für Freiheit in der Informationsgesellschaft:

„Die Free Software Foundation Europe erhält die Theodor-Heuss-Medaille 2010 weil ihre Arbeit sehr zur Schaffung von neuen sozialen, politischen und rechtlichen Bedingungen für digitale Freiheit durch Freie Software beiträgt.“

Eine Woche davor, am 28. April, wurde der Gründer der FSFE Georg Greve mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Dies geschah in Würdigung seiner großen Erfolge für die Verbreitung Freier Software mit der FSFE. Unserer Kenntnis nach ist dies weltweit das erste Mal, dass ein Aktivist für freie Software in einem Land derart gewürdigt wurde. Das ist eine wohlverdiente Belohnung für viele Jahre harter Arbeit. Herzliche Glückwünsche, Georg!

Teile und erobere zurück!

Solche Ehrungen sind natürlich eine große Motivation. Aber wir haben keine Zeit, um uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Technologie entwickelt sich und überall müssen sich Freie-Software-Aktivisten neuen Herausforderungen stellen. Viele Menschen verlassen sich mehr und mehr auf Webdienste, „Software as a Service“ und „Cloud Computing“ für unterschiedliche Zwecke wie E-Mail, für Online-Datenspeicher oder für soziale Netzwerke. Die Freiheiten, die Freie Software ausmachen – Programme zu verwenden, zu verstehen, zu verbreiten und zu verbessern – sind auf Programme auf Computern, die unter unserer eigenen Kontrolle stehen, zugeschnitten. Können wir einen Weg finden, diese Freiheiten in einer Welt zu verteidigen, in der große Teile unserer Computernutzung auf Maschinen passiert, die andere kontrollieren? Wie können wir diese Freiheiten zurückgewinnen, wo sie bereits verloren sind?

Die wahrscheinlich beste Antwort auf diese Fragen sind dezentralisierte Systeme. Systeme, die die von uns gesuchten Dienste bieten, aber die keine zentrale Kontrollinstanz haben. Wie genau müssten solche Systeme aussehen, um unsere Freiheiten zu bewahren, und wie können sie entwickelt werden? Um Benutzer und Entwickler dazu zu bringen darüber nachzudenken haben wir Vorträge auf verschiedenen Veranstaltungen quer durch Europa gehalten und sogar in Porto Alegre, Brasilien, auf der FISL. Im November organisierten wir auf der „Free Society Conference“ (FSCONS) in Göteborg eine ganze Vortragsreihe zum Thema unter dem Titel „Divide and re-conquer“ (Teile und erobere zurück!). Dort brachten wir Menschen zusammen, die an Projekten arbeiten, die zentrale Kontrollinstanzen aufbrechen und durch dezentralisierte Systeme ersetzen. Solche sind: Michael Chisari von Appleseed, Benjamin Bayart vom Internetprovider „French Data Network“, dessen Eigentümer seine Benutzer sind, und Torsten Grote von der FSFE, der erklärte, warum die Konzentration von Macht und Daten in den Händen von wenigen Firmen ein Problem ist und wie dezentralisierte Systeme dabei helfen können, unsere Freiheiten zurück zu erobern.

Kampagnen für Freie Software und offene Standards

Offene Standards sind essentiell für Freie Software. Freie Software hängt von Offenen Standards ab, um mit anderen Programmen interagieren zu können. Wenn Organisationen und Firmen der öffentlichen Hand Offene Standards verwenden, sind Bürgerinnen nicht genötigt, proprietäre Software zu verwenden, um mit ihnen zu kommunizieren, während die Organisationen selbst die Fesseln der Abhängigkeit von einem einzelnen Softwareanbieter abstreifen können.

Aus diesen Gründen haben wir in diesem Jahr weiterhin viel Zeit und Arbeit in Offene Standards investiert. Im Rahmen der Kampagne Document Freedom Day feierten am 31. März rund um die Welt Gruppen auf Veranstaltungen von Argentinien bis nach Vietnam und in vielen europäischen Ländern Offene Standards und offene Dateiformate.

Die Europäische Kommission ist gerade dabei, die lang erwartete Überarbeitung des European Interoperability Framework abzuschließen. Es handelt sich dabei um eine Empfehlung, wie die IT-Systeme der öffentlichen Institutionen in Europa miteinander kommunizieren sollen. Die Originalversion von 2004 unterstützte stark Offene Standards und hat großen Einfluss ausgeübt. Die überarbeitete Version, deren Veröffentlichung wir in Kürze erwarten, wird in dieser Hinsicht vermutlich erheblich abgeschwächt sein.

Während wir mit Händen und Füßen kämpften, um zumindest eine Nennung Offener Standards im Dokument zu erhalten, verschafften wir dem Thema eine Menge Aufmerksamkeit innerhalb der Europäischen Kommission und im europäischen öffentlichen Sektor. Wir brachten uns auch in die Reform des europäischen Standardisierungssystems ein, die im Moment im Gange ist. Der Präsident der FSFE Karsten Gerloff hat auf einer Konferenz, die im November von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Patentamt organisiert wurde, die Kernpunkte der Freien Software im Bezug auf Standardisierung dargelegt.

Wenn die öffentliche Hand Software verlangt, die auf Offene Standards basiert, können sich Freie-Software-Firmen um Verträge bewerben und so mehr Geld in die Entwicklung investieren. Wir haben die öffentliche Auftragsvergabe in Europa beobachtet. Als der italienische Teil von Südtirol den Vertrag für proprietäre Softwarelizenzen ohne Ausschreibung verlängerte schlugen wir öffentlich Alarm. Statt die Provinz nur zu kritisieren, boten wir der Verwaltungsbehörde Hilfe an, um beim nächsten Mal eine bessere Entscheidung treffen zu können. Das führte zu einem Runden Tisch mit lokalen Experten der Freien Software, der nun wirkliche Langzeitfortschritte in der Entwicklung einer faireren Auftragsvergabepraxis macht. Wir hoffen damit ein Beispiel zu schaffen, dem andere öffentliche Verwaltungen folgen werden.

Unsere PDF-Betrachter-Kampagne hat dutzende öffentliche Institutionen quer durch Europa davon überzeugt freie PDF-Betrachter zu bewerben. Mit der Unterstützung von hunderten Freiwilligen aus ganz Europa kontaktierten wir öffentliche Verwaltungen in 33 Ländern, informierten sie über Freie Software und Offene Standards, und baten sie, ihre Werbung für proprietäre PDF-Betrachter durch Links zu freien PDF-Betrachtern zu ersetzen oder zu ergänzen.

In der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) trägt unsere kontinuierliche Arbeit Früchte. Auch wenn die Veränderung in dieser internationalen Organisation langsam geschieht, so ist sie dennoch sichtbar. Wir analysierten die Risiken von Softwarepatenten und die Vorteile von Offenen Standards für Vertreter von Patentämtern aus der ganzen Welt. Mit Mitgliedstaaten und Mitarbeitern der WIPO hatten wir auch produktive Diskussionen darüber, wie Freie Software ein permanentes Element in den Aktivitäten der WIPO werden kann. Die Organisation ist immer noch weit davon entfernt die „Weltorganisation für geistigen Reichtum“ zu werden, zu der wir vor sechs Jahren angeregt haben, aber sie öffnet sich langsam gegenüber den Ideen der Freien Software und des freien Wissensaustausches. Die WIPO hat einige Studien zu Themen beauftragt, die sie bisher ignorierte. Sobald die Ergebnisse zur Verfügung stehen, werden wir die Organisation dazu drängen, diese Themen zu einem regulären Teil ihrer Arbeit zu machen.

Nach dem Weggang unseres FTF-Koordinators Adriaan de Groot im April konzentrierten wir die Arbeit unserer Rechtsabteilung auf Kernaufgaben. Das European Legal Network ist zum weltweit größten Netzwerk von Freie-Software-Spezialisten in Rechtsfragen herangewachsen. Die nur nach Einladung erreichbare Umgebung stellt einen geschützten Raum für sensible Diskussionen und einen offenen, ehrlichen Austausch von Meinungen sicher. Der jährliche Workshop des Netzwerks in Amsterdam war ein durchschlagender Erfolg. Das Netzwerk erstellte auch ein Dokument über Interaktionen zwischen verschiedenen Softwarekomponenten, das eine strukturierte Zusammenstellung von verschiedenen Meinungen zu einem komplexen und unklaren Feld bietet. Wir betreuen weiterhin unser Treuhandprogramm zur Urheberrechtsübertragung für Projekte, die es nutzen möchten und beantworten die laufend aufkommenden rechtlichen und lizenzrechtlichen Fragen aus der Gemeinschaft.

Hinter den Kulissen

Intern haben wir uns um unseren Haushalt gekümmert. Unsere Hardware- und Softwareinfrastruktur wird erneuert. Das ehrenamtliche Web-Team macht unsere Webseiten kontinuierlich informativer, während unsere Systemadministratoren dafür sorgen, dass unsere Server stabil und sicher sind. Wir steigern kontinuierlich die Effizienz unserer internen Abläufe, um uns mehr auf unsere Arbeit für Freie Software konzentrieren zu können.

Wie üblich wird eine Menge Arbeit von Ehrenamtlichen erledigt. Sie ermöglichen der FSFE die Verbindung mit Aktivisten für Freie Software aus ganz Europa und helfen uns, jedes Jahr auf dutzenden Veranstaltungen in vielen Ländern präsent zu sein. Neben den üblichen Freie-Software-Konferenzen haben wir unser Spektrum für eine breitere Öffentlichkeit erweitert. Am Deutschen Kirchentag, der von 130.000 Menschen besucht wurde, hatten wir einen erfolgreichen Informationsstand. Ehrenamtliche Helfer betreuen auch unsere Webseiten und machen sie in bis zu dreißig Sprachen verfügbar. Freiwillige Helfer haben ein neues Länderteam in Frankreich und eine aktive Fellowship-Gruppe in Slowenien gebildet. Die allerwichtigste Folge davon ist, dass sie die Botschaft Freier Software an ihre Arbeitsplätze, in ihre Universitäten und ihren Freundeskreis tragen. Das ist die Gelegenheit um ihnen allen ein großes „Dankeschön!“ zu sagen.

Alle unsere Aktivitäten wurden von den FSFE-Praktikanten unterstützt. Dieses Jahr arbeiteten vier talentierte junge Leute mit uns, tauchten kopfüber in die Welt der Freien Software und erledigten viel von der Arbeit, die nötig ist, um Kampagnen, Veranstaltungen und Richtlinienarbeit zu ermöglichen.

Ausblick auf 2011

2011 wird die FSFE zehn Jahre alt. Wir sind mit Ihrer Unterstützung und der Arbeit von vielen engagierten Menschen weit gekommen und zu Europas angesehendsten Organisation für Freie Software geworden. Aber wir haben noch viel mehr zu tun.

Wir möchten der Gesellschaft helfen, Systeme aufzubauen, die unsere Freiheiten respektieren, da Computernutzung zunehmend auf Netzwerke verlagert wird. Aufbauend auf das Bewusstsein, dass wir für verteilte Systeme geweckt haben, werden wir Menschen zusammen bringen und Wege suchen, um ihre Kräfte zu bündeln und sie so stärker zu machen.

Garantiert werden uns Offene Standards und die Standardisierungsreform auch im Jahr 2011 beschäftigen. Die Vorbereitungen für den Document Freedom Day am 30. März laufen bereits auf vollen Touren. Wir werden uns auch weiterhin für einen Markt einsetzen, der offen für Freie Software und ein Standardisierungssystem ist, dass die Bedürfnisse von den Benutzern, Entwicklern und Firmen Freier Software respektiert.

Softwarepatente schleichen sich in verschiedenen Verkleidungen zurück auf die Agenda. Wir werden darauf drängen, dass Patente ohne Beschränkungen lizenziert werden, sobald diese in Standards aufgenommen werden. Kürzlich begann die Europäische Kommission erneut, die Idee eines einzigen europäischen Patents zu verfolgen. Für Software wird viel davon abhängen, wie so ein System umgesetzt wird. Die FSFE wird die Entwicklung beobachten und je nach Bedarf Anregungen geben oder Druck ausüben.

Unsere Rechtsabteilung war extrem erfolgreich, Experten zu rechtlichen Aspekten der Freien Software zusammenzubringen und Entwickler in Lizenzierungsfragen zu unterstützen. Im Jahr 2011 werden wir diese Abteilung umorganisieren und noch nützlicher für die Gemeinschaft machen.

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

All diese Arbeit kostet Geld. Beinahe das gesamte Budget der FSFE wird aus Ihren Spenden und den Fellowship-Beiträgen gespeist. Ihre Unterstützung ermöglicht nicht nur all diese Arbeit, sondern noch mehr: Das Wichtigste ist, dass wir dadurch unabhängig von Einzelinteressen bleiben können. Diese Unabhängigkeit ist kein Luxus. Sie ist die Grundvoraussetzung für unsere Arbeit. Vielen Dank, dass Sie das möglich machen!

Wir arbeiten daran, monatliche Spenden und Fellowship-Beiträge einfacher für Sie zu machen. Monatliche Einzahlungen ermöglichen uns eine zuverlässigere Budgetplanung und halten uns das ganze Jahr über zahlungsfähig. Auch an einer steuerfreien Spendenmöglichkeit in einigen europäischen Ländern arbeiten wir gerade.

Wir hoffen auf Ihre weitere Unterstützung, während wir uns diesen Herausforderungen stellen. Im Namen aller FSFE-Angestellten und ehrenamtlichen Helfer wünsche ich Ihnen schöne Feiertage. Feiern Sie in Freiheit, ruhen Sie sich etwas aus, und sammeln Sie Kraft für die Herausforderungen und Auseinandersetzungen, die uns 2011 erwarten! Es wird ein aufregendes Jahr. Ich lade Sie ein, gemeinsam mit uns für die Freiheit der Software zu arbeiten.

Mit besten Wünschen für ein freies Jahr 2011,
Karsten Gerloff
Präsident, Free Software Foundation Europe