Nachrichten

20 Jahre FSFE: Interview mit Fernanda Weiden

am:

Für unsere dritte Geburtstagspublikation sprechen wir mit Fernanda Weiden - Mitbegründerin der FSF Latin America und ehemalige Vizepräsidentin der FSFE - über die Anfänge Freier Software in Lateinamerika und den heutigen Einsatz Freier Software in großen Unternehmen, sowie über die Unterstützung von Vielfalt in verschiedenen Gemeinschaften.

Fernanda "nanda" Weiden hat eine lange Geschichte des persönlichen Engagements für Freie Software und die FSFE. Eigentlich eine viel zu lange, um in diese Einführung zu passen, aber wir versuchen zumindest, einige ihrer Beiträge zu beleuchten: Aufgewachsen in Porto Alegre, Brasilien, organisierte Fernanda die FISL, die größte Freie-Software-Konferenz in Lateinamerika. Später wurde sie Gründungs- und Ratsmitglied der Free Software Foundation Latin America, bevor sie nach Europa zog, wo sie als Ehrenamtliche zur FSFE kam. Wenig später wurde sie von 2009-2011 zur Vizepräsidentin der Free Software Foundation Europe gewählt.

In den frühen Jahren ihres Engagements für die FSFE half Fernanda, das Profil und die Organisation der FSFE zu formen. Ihre Lieblingskampagne, an der sie maßgeblich beteiligt war, war der Document Freedom Day - eine Kampagne, um die Wichtigkeit von Offenen Standards hervorzuheben. Diese wurden am "Document Freedom Day" gefeiert. Fernanda ist auch Mitbegründerin des "Frauen in Freier Software Projekts" ("Women in Free Software Project") in Brasilien und ehemaliges Mitglied von "Debian Women". Bis heute ist Fernanda Teil der Mitgliederversammlung der FSFE und hilft der Organisation bei Bedarf mit ihren vielfältigen Fähigkeiten.

Anlässlich von "20 Jahren FSFE" interviewten wir Fernanda über ihre Zeit bei den FSF*s, über Aktivitäten bei Veranstaltungen zu Freier Software und deren Einsatz in großen Unternehmen.

Interview mit Fernanda Weiden

FSFE: Du bist in Brasilien aufgewachsen und hast dort die Free Software Foundation Latin America mitbegründet. Kannst du uns ein wenig über deinen Hintergrund erzählen, wie kamst du anfangs zu Freier Software und wie kam es dazu, dass du die FSFLA mitbegründet hast?

Fernanda Weiden: Ich bin in Porto Alegre, der südlichsten Großstadt Brasiliens, aufgewachsen. In der Region leben etwa eine Million Menschen und die Gegend ist stark von der europäischen Einwanderung geprägt. Ich hatte nie wirklich geplant Computeringenieurin zu werden. Als ich das erste Mal an die Universität kam, wollte ich noch Mathematiklehrerin werden. Nach etwa einem Jahr war klar, dass das nichts für mich ist.

Ich fing an mich immer mehr für Computer zu interessieren und eine Menge Leute, die ich kannte, nutzten bereits GNU/Linux. Ich wurde sehr schnell neugierig darauf und lernte, GNU/Linux ohne eine graphische Oberfläche zu benutzen. Das half mir dabei zu verstehen, wie Computer ohne die Magie einer Benutzeroberfläche funktionieren. Ich liebte es.

Nach einer Weile fing ich an mit unterschiedlichen Systemen zu arbeiten. Als RedHat sein Zertifizierungsprogramm namens RedHat Certified Engineer startete, war ich in der ersten Gruppe von Leuten aus Lateinamerika, die den Test machten. Es gab 10 von uns und 6 bestanden den Test. Ich war eine von ihnen und offensichtlich die einzige Frau, was ein Schlaglicht auf meine Arbeit warf und auch ein Schlaglicht auf die Freie-Software-Gemeinschaft für mich. Danach habe ich schnell begonnen, mich zu engagieren.

Die Free Software Foundation Latin America war ein naheliegender Schritt, um die Gemeinschaft zu stärken und auch Entscheidungsträger im öffentlichen Sektor zu unterstützen.

Diese Jahre in Lateinamerika waren politisch betrachtet sehr interessant und viele der Regierungen investierten in Freie Software als eine mögliche Alternative. Es ging dabei darum die Wirtschaft und auch die Unabhängigkeit von Software-Lieferanten - meist aus Europa oder Nordamerika - zu fördern. Die Free Software Foundation Latin America war ein naheliegender Schritt, um die Gemeinschaft zu stärken und auch Entscheidungsträger im öffentlichen Sektor zu unterstützen, damit diese die Themen rund um Freie Software besser zu verstehen lernen. Leider glaube ich nicht, dass die FSFLA ihr damaliges Potenzial ausschöpfen konnte, aber es war trotzdem eine großartige Erfahrung.

Ich war bereits, aufgrund meiner Arbeit im Programmkomitee des Internationalen Forums für Freie Software in Porto Alegre sehr gut mit Leuten aus ganz Lateinamerika und der ganzen Welt vernetzt. Also denke ich, dass ich eine natürliche Wahl war. Eine Frau zu sein hat mir dabei bestimmt auch geholfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, die sich in der Gemeinschaft engagieren, war ich Ingenieurin und verstand nicht nur die politische Seite der Themen, sondern auch die technische.

Fernanda G. Weiden auf der Latinoware 2008, Gnome Forum. Foz do Iguaçu, Brasilien. (Bild CC-BY 2.0 Germán Póo-Caamaño)

Damals in Brasilien hast du viel Zeit damit verbracht, ehrenamtlich bei der Organisation der FISL, der größten Konferenz für Freie Software in Lateinamerika, zu helfen. Kannst du uns erzählen, wie die Wahrnehmung von Freier Software zu dieser Zeit in Brasilien war? Warum ist ehrenamtliche Arbeit wichtig und warum ist es wichtig, solche Veranstaltungen mit dem Bezug zu Freier Software zu haben?

Ich würde sagen, Freie Software war in Brasilien auf ihrem Höhepunkt. Die Regierung war interessiert und bereit sich zu bewegen und mit der Gemeinschaft zu kooperieren, um von uns als Gemscheinschaft zu lernen. Dazu kam, dass die Regierung unsere Veranstaltungen auch finanziell unterstütze und uns half, eine solide Basis für die Gemeinschaft aufzubauen. Veranstaltungen sind super wichtig, weil sie dabei helfen, das Bewusstsein zu verbreiten und eine Dynamik entstehen lassen. So können wichtige Schritte auf politischer Ebene unternommen werden. Ich denke auch, dass Veranstaltungen Gelegenheiten bieten, denjenigen das Mikrofon zu geben, die etwas Wichtiges zu sagen haben. Damals war es für uns wichtig, dass wir die Welt wissen lassen, dass es einen anderen Weg für die digitale Transformation gibt. Das wir eine Technologie-Industrie aufbauen, die nicht von den Technologien großer Unternehmen abhängig ist. Freie Software ist ermächtigend für eine Nation der Dritten Welt, weil sie Länder und Industrien vom Rücksitz in den Fahrersitz für ihre eigene Zukunft bringen kann.

Später in deinem Leben zogst du von Brasilien nach Europa, wo du als Ehrenamtliche zur Free Software Foundation Europe kamst und später für zwei Jahre unsere Vizepräsidentin wurdest. Wie war deine Erfahrung als Vizepräsidentin und was hält dich nach nunmehr über 15 Jahren in der FSFE?

Ich zog Ende 2005 nach Europa, nachdem ich ein Jobangebot von Google in Zürich erhalten hatte. Es war die transformativste Erfahrung in meinem Leben. Ich habe verschiedene Kulturen gesehen und gelebt und dazu noch fast 13 Jahre lang in der Big-Tech-Branche gearbeitet. All das hat mich verändert und mir geholfen, mich auf eine Art und Weise weiterzuentwickeln, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Ich bin für immer dankbar für das, was Freie Software in meinem Leben möglich gemacht hat. Es ist mir sehr wichtig, der Gemeinschaft weiterhin etwas zurückzugeben.

Die FSFE war für mich eine Möglichkeit, mit meinen Wurzeln verbunden zu bleiben. Ich hatte Freunde, die ebenfalls engagiert waren, und ich wollte der Gemeinschaft, die mir so viel gegeben hat, weiterhin etwas zurückgeben. Nicht nur an technischem und politischem Wissen, sondern auch an allem anderen was dazugehört. Ich bin für immer dankbar für das, was Freie Software in meinem Leben ermöglicht hat. Es ist mir sehr wichtig, der Gemeinschaft weiterhin etwas zurückzugeben. Auch wenn es manchmal schwer erscheint, weil sich das Leben so sehr verändert hat, die Zeit knapper geworden ist und sich die Prioritäten aus persönlicher Sicht verschoben haben.

Der Document Freedom Day war eine Kampagne der FSFE, bei der es darum ging, das Bewusstsein für die Bedeutung von Offenen Standards zu schärfen. Du warst stark an der Entstehung der Kampagne beteiligt, hast bei der Einrichtung der Website und den allgemeinen Konzepten geholfen. Was hat dir am DFD gefallen und was war deine liebste DFD-Aktivität?

Offene Standards sind für Dokumente lebenswichtig. Wenn man die Informationen in einem Standard aufzeichnet, der nicht offen für alle implementiert werden kann, ist das für mich dasselbe, als ob man die aufgezeichneten Informationen nicht besitzen würde, denn man ist für immer Gefangener dieses Anbieters. Wenn sie das Geschäft aufgeben, tun das auch deine Aufzeichnungen. Ich liebe die Kampagne, weil ich denke, dass sie ein Weg ist, die Wichtigkeit der digitalen Freiheit denjenigen nahezubringen, die vielleicht nicht über Freie Software Bescheid wissen oder sich nicht dafür interessieren. Es ist ein Weg, eine Frage in die Köpfe der Menschen zu pflanzen.

Meine Lieblingsaktivität waren definitiv die Bilder. Wir haben die Leute gebeten, uns Bilder von ihren Veranstaltungen und Feiern zum DFD aus der ganzen Welt zu schicken, und es war großartig zu sehen, wie die Gemeinschaft auf der ganzen Welt zusammenkam, um die Bedeutung von Offenen Standards zu diskutieren.

Ein Bild des FSFE-Teams bei der Übergabe des DFD-Awards 2010 an Radio Deutschlandfunk mit dem Thema "rOGG on"

Du hast für mehrere Jahre in einem großen internationalen Technologieunternehmen gearbeitet. Wie wird die Rolle und Bedeutung von Freier Software und Offenen Standards in großen Unternehmen wahrgenommen und hat sie sich über die Jahre verändert?

Als ich Aktivistin für Freie Software wurde, musste man sich noch über die Plattform streiten, die man für die Erstellung von Software verwendet. Heute ist Freie Software keine Frage mehr. Sie ist an vielen Orten die Norm. Große Firmen spielen eine wichtige Rolle, weil sie Ingenieure anstellen und bezahlen, um weiterhin Software auf dem neuesten Stand der Technik zu produzieren, die dann über Freie-Software-Lizenzen verfügbar ist. Natürlich fließen nicht alle Ingenieurstunden in diese Arbeit, aber es ist definitiv etwas, das beide großen Tech-Firmen, für die ich gearbeitet habe, zu schätzen wussten und auf unterschiedliche Weise dazu beitrugen.

Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass man es zur Priorität macht, ein integratives Umfeld zu schaffen. [...] Es ist ein positiver Kreislauf: Sobald man anfängt, positive Schritte zu unternehmen, werden immer mehr unterschiedliche Talente kommen, weil sie sich sicher fühlen.

Du bist Mitbegründerin des "Women in Free Software Project" in Brasilien, warst Mitglied von "Debian Women" und hast es geschafft, in deiner technischen Abteilung den höchsten Frauenanteil in einem großen internationalen Unternehmen zu haben. Aus deiner praktischen Erfahrung heraus, was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Punkte für Freie-Software-Organisationen, um eine inklusive Umgebung für Frauen und andere traditionell unterrepräsentierte Gruppen in Freier Software zu schaffen?

Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass wir dem Aufbau eines integrativen Umfelds Priorität einräumen. Das darf kein zweiter Gedanke sein. Wenn man nicht zuallererst darüber nachdenkt, wie ich sicherstellen kann, dass diese Umgebung für alle freundlich ist, verpasst man die Chance, inklusiv zu sein. Viele Unternehmen und Organisationen machen den Fehler zu glauben, dass die eine oder andere Aktivität sie inklusiver für Minderheiten machen würde. Es geht nicht um die eine oder andere Aktivität. Es geht darum, wie du dich jeden Moment deines Tages verhältst und wie viel Mühe du dir gibst, um sicherzustellen, dass du den Stillen zuhörst, offen für andere Meinungen bist und dich durchgehend darum bemühst, deine Pipeline mit vielfältigen Talenten zu füllen, wenn du neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen willst. Es ist ein positiver Kreislauf: Sobald du anfängst, positive Maßnahmen zu ergreifen, werden immer mehr vielfältige Talente kommen, weil sie sich sicher fühlen.

Was ist dein persönliches Highlight mit der FSFE oder eine wichtige Sache, die du durch deine Arbeit bei der FSFE gelernt hast?

Seit den Anfängen der Arbeit bei der FSFE habe ich immer die pragmatische und ausgewogene Art und Weise geschätzt, in der sich mit der Gemeinschaft auseinandergesetzt wird. Die FSFE hat sich immer dazu verpflichtet, einen Dialog zu führen, egal wie unterschiedlich die Positionen der anderen Seite in dem Gespräch waren. Ich denke, dass dies auch im geschäftlichen Umfeld sehr wichtig ist: Man muss jedem zuhören, wenn man effektiv sein will. Die FSFE tut dies auf eine Art und Weise, die freundlich und akzeptierend ist, aber die Kernwerte, für die wir stehen, nicht gefährdet.

Document Freedom Day Feier in Singapur 2018. (Bild CC-BY 4.0 Fedora Community Blog)

Und was ist eine Geschichte, die dich immer noch zum Lachen oder Lächeln bringt, wenn du dich an sie erinnerst?

Leider war ich an dem Tag nicht anwesend, aber ich habe trotzdem viel darüber gelacht, und ich war dabei, als der Song veröffentlicht wurde, und das war sehr lustig. Auf jeden Fall das Schnitzelmonster. Ich werde das Monster allerdings seine eigene Geschichte erzählen lassen.

FSFE: Als letzte Frage, was wünschst du der FSFE für die nächsten 20 Jahre?

Ich wünsche der FSFE, dass sie weiterhin eine Organisation ist, die sich mit den Herausforderungen unserer Zeit weiterentwickelt. Wenn in der Vergangenheit proprietäre Software ein großes Thema war, haben wir jetzt Datenschutzprobleme in der Cloud als großes Thema. Wir haben Software, die in unseren Waschmaschinen und Öfen läuft. Ich wünsche mir auch, dass die FSFE weiterhin die freundliche Umgebung ist, die sie für mich immer war. Wir sehen uns nicht sehr oft persönlich, aber wenn wir es tun, abgesehen von den zusätzlichen grauen Haaren und Falten, fühlt es sich an, als wären wir uns schon immer nahe gewesen. Es ist eine große und weit verzweigte Familie.

FSFE: Herzlichen Dank!

Über "20 Jahre FSFE"

Im Jahr 2021 wird die Free Software Foundation Europe 20 Jahre alt. Das bedeutet zwei Jahrzehnte Ermächtigung der Nutzer zur Kontrolle der Technologie.

Banner with FSFE 20 years. FSFE since 2001

20 Jahre alt zu werden ist eine Zeit, in der wir durchatmen und auf den Weg zurückblicken wollen, den wir gekommen sind, um die Meilensteine zu reflektieren, die wir passiert haben, die Erfolge, die wir erreicht haben, die Geschichten, die wir geschrieben haben und die Momente, die uns zusammengebracht haben und an die wir uns immer mit Freude erinnern werden. Im Jahr 2021 wollen wir der FSFE und noch mehr unserer paneuropäischen Gemeinschaft Schwung verleihen, der Gemeinschaft, die die Schultern gebildet hat und immer bilden wird, auf die sich unsere Bewegung stützt.

20 Jahre FSFE soll eine Feier für alle sein, die uns in der Vergangenheit begleitet haben oder es noch tun. Danke, dass Sie Ihr Stück des Puzzles beitragen, das die FSFE formt und den Grundstein für die Arbeit der nächsten Jahrzehnte unserer Bewegung für Softwarefreiheit legt.

Zur Diskussion